L., Mama von mehr als einem

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Ich saß in einem Beratungsgespräch mit einer Mutter. Sie schaute mich an. In ihrem Blick: Ratlosigkeit, Zweifel, Hoffnung, Bitte. „Haben Sie Kinder?“ Spontan antwortete ich: „Nein.“ Aber ich wusste, dass es eigentlich nicht ganz wahr war. Dabei scheint das doch eine einfache Frage mit einer einfachen Antwort zu sein. Ist es aber für mich nicht. Nicht mehr.
Hätte man mich noch vor zwei Jahren gefragt, was eine Mutter ist, hätte ich eine klare Antwort geben können: Eine Frau mit einem Kind. Heute fällt meine Antwort darauf nicht mehr so deutlich aus. Der Begriff ist, so eindeutig er scheint, für mich zu einem vieldeutigen geworden und je mehr ich versuche, ihn zu fassen, desto ungreifbarer wird er für mich.
Die korrekte Antwort wäre nämlich gewesen: „Ja, eine Tochter.“ Eine ganz kleine und zarte. Von der mir ein Name, wenige Fotos, ein Anhänger an einer Kette, eine Spieluhr und ein selbstgebastelter Grabstein geblieben sind. So kurz war sie da. So schnell ist sie gegangen. Ohne einen Atemzug. Ganz still.

Als sie ging, blieb ich mit einem leeren Bauch und einem vollen Herzen zurück. Was darin war? Wut aber auch Freude, Traurigkeit aber auch Erstaunen, Ratlosigkeit aber auch Frieden, Bedauern aber auch Träume (diese widersprüchliche Mischung entstand wohl, weil ich sie zwar verloren, aber eben auch geboren hatte). Das schlimmste jedoch war das Gefühl der Unvollständigkeit. Mutter ohne Kind. Verwaiste Mutter. Mutter mit Sternenkind. Kein Begriff erfasste es völlig. Lange suchte ich den passenden.

Gefunden habe ich den ursprünglichen; ich habe mich einfach als eine Mama gesehen. Es war die Versöhnung mit meinem „Zustand“. Denn diese Erkenntnis hat sich festgesetzt: Dass Muttersein viel mit Loslassen und Annehmen zu tun hat.

Loslassen von Vorstellungen, Hoffnungen, Träumen, Kontrolle, Sicherheit, Perfektion, Ansprüchen.

Das Kind selbst loslassen.

Annehmen von Überraschungen, Unordnung, Kummer, Zweifeln, Ratlosigkeit, Versagen; annehmen, dass die Dinge meist anders laufen, als man es sich vorstellt.

Das Kind so annehmen, wie es ist.

Das muss jede Mutter tun und können, ob ihr Kind lebt oder gesund ist, stirbt oder krank ist oder auch gar nicht erst gezeugt wird – in den letztgenannten Fällen ganz besonders.

Obwohl ich mit meiner Tochter vieles nicht erfahren durfte, was mit Muttersein zu tun hat, habe ich doch wie jede Mutter erlebt: Jedes Kind kommt und geht wieder – von Geburt an. Und dieser Entbindungsprozess ist schmerzhaft und befreiend zugleich. Es schmerzt, ein Kind gehen zu lassen, zu bemerken, dass man selbst gar nicht so viel tun kann. So gerne man ein Kind vor allem schützen möchte, so unmöglich ist es. Man muss es loslassen. Zugleich ist es befreiend, das Kind nicht festhalten zu müssen, es loslassen zu dürfen, zu erkennen, dass man gar nicht alles tun muss.
Ich weiß, dass sich meine Tochter jetzt in liebenden Armen und in absoluter Sicherheit befindet. Um sie muss ich mich nicht mehr kümmern und sorgen; jemand anders tut es für mich und bringt ihr absolute Annahme entgegen. Ich habe losgelassen, lasse los, darf loslassen. Mir bleibt nur noch anzunehmen, dass meine Pläne nicht verwirklicht werden können, wie ich es mir erhofft hatte, dass mein Leben nun einen anderen Verlauf nimmt.

Seit Dezember habe ich ein weiteres Kind. Einen Sohn. Als ich frisch entbunden hatte, lautete einer der ersten Sätze, den ich hörte: „Jetzt bist du eine richtige Mama.“

„Nein“, dachte ich. Das war ich bereits vorher.

 


 

Together with a mother, I was having a counseling session. She looked at me. In her eyes: helplessness, doubt, hope, plea. “Do you have children?” Spontaneously I answered: “No.” But actually I knew that this was not really true. Yet this seems to be a simple question requiring a simple answer. Not for me. Not anymore. If someone had asked me two years ago what a mother is I would have given a precise answer: a woman with a child. Today my answer to this question is not as definite anymore. This term, as obvious as it seems, for me became an ambiguous one and the more I try to grasp it, the less I feel able to grasp it.
The correct answer would have been: “Yes, I’ve got a daughter.” A wee little and delicate one. Of who I’ve got left a name, a few photos, a necklace pendant, a music box and a self-made gravestone. This is how short she was here. This is how quickly she went. Without a breath. Quietly.

As she went, I was left with an empty belly and a full heart. What was inside? Anger but joy, sadness but wonder, helplessness but peace, regret but dreams (I assume, this contradictory mixture developed because I lost her but I also had given birth to her). However, the most horrible was this feeling of incompleteness. Mother without a child. Orphaned mother. Mother with an angel baby. There was no term that could fully describe it. I was looking for the right one for a long time.

I found the original one; I simply saw myself as a mama. It was the reconciliation with my “status”. Because this realization established: That motherhood as a lot to do with letting go and embracing.

Letting go off imaginations, hopes, dreams, control, security, perfection, demands.

Letting go the child itself.

Embracing surprises, mess, sorrow, doubts, helplessness, failure; embracing that things oftentimes go differently than you imagined.

Embracing the child as it is.

Every mother has to do this, no matter if her child is alive or healthy, dies or is ill, or even if her child is not conceived – especially the latter.

Although me and my daughter could not experience a lot of those things that have to do with being a mother, I still experienced what  every mother does: every child comes and goes again – from day one. It hurts, to let a child go, and it’s liberating at the same time. As much as you wish you could shield your child from harm, as impossible it is. You have to let go. At the same time it is liberating, not having to hold onto the child, being a allowed to let go, realizing you don’t have to do everything.
I know that my daughter now is in the care of loving arms and in finite security. I don’t have to take care of her anymore; someone else does it for me and takes her as she is. I have let go, l let go, I can let go. For me, I can only embrace that my plans cannot be fulfilled as I had hoped for, that my life takes a different path.

Since December I have got another child. A son. When I had just given birth, one of the first sentences I heard was: “Now you really are a mama.”

“No,” I thought. I was before.

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