S., Mama von dreien

 

(For the English version, please scroll down.)

 

Es ist der vierte Jahreslauf, den wir hier an diesem Ort erleben. Die Vergissmeinnicht sprießen, es verströmt ein Schmetterlingsflieder seinen Duft. Die grünen Wipfel rascheln leise, werden zum Rauschen. Bunte Blätter tanzen, bedecken den aufgeweichten Boden. Dann, kein Ton, merkwürdige Stille, nur das Knirschen der Schritte auf schneebedeckter Erde. Bis die Vergissmeinnicht wieder blühen. Ich vergesse nicht. Hier auf der Schmetterlingswiese, wo unser Sohn begraben liegt.

2014 brachte ich unseren ersten Sohn aus ungeklärter Ursache ohne jede Vorwarnung viel zu früh zur Welt. Er konnte das nicht überleben. Ich glaube, dass so ziemlich alles in mir zerbrach.  In den ersten Wochen nach der Geburt verließ ich das Haus im Grunde nicht. Im Nachhinein wurde mir klar, dass Angst und Scham der Grund dafür waren. Davor, bekannte Gesichter zu treffen und ihnen etwas erklären, mich erklären, mein „Versagen“ erklären zu müssen. Davor, dass unbekannte Gesichter mich nicht als das sahen – sehen konnten – als die ich mich selbst fühlte, als Mutter. Das Schmerzhafteste, das jemand zu mir in dieser Zeit sagte, war „Du wirst auch irgendwann Mama sein!“. Ich bin froh, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wer das zu mir gesagt hat. Doch es traf mich zutiefst und es war falsch. Ich war Mama!

Eine Mutter ist eine Frau, die es zulässt, dass ihre Identität unerklärlich tief durch die Liebe zu einem Kind geprägt wird. Dieses Zulassen birgt immer auch einen großen Schmerz – nämlich dann, wenn das geliebte Kind nicht ist, nicht mehr ist. Dann, wenn man loslassen muss. Und das muss jede Mutter, früher oder später, immer wieder. Wie einen Schmetterling.

Eine Mutter ist also auch eine Frau im ständigen Prozess des Werdens, des immer wieder neu Findens dieser ihrer Identität. Ja, wie ein Schmetterling.

Inzwischen bin ich Mutter von drei Kindern – einem nicht bei mir, einem unübersehbaren Wirbelwind, und einem weiteren, das noch im Bauch heranwächst. In allem Schmerz und in allen Facetten habe ich ein „Ja“ zu dieser Identität.

Das ist doch verwunderlich. Alles daran ist verwunderlich, ein Wunder, das Muttersein, das Mutterwerden.

 

* Danke (!) an meinen Mann, der diesen Moment mit unserem Sohn eingefangen hat, und der mich bedingungslos unterstützt.

 


 

 

It’s the fourth time we experience the seasons here in this place. Forget-me-nots spring, a butterfly-bush exudes its scent. Green tree tops rustle gently, becoming a loud one. Colorful leaves dance, cover the rain-sodden ground. And then, not one sound, weird silence, only crunching footsteps on snow-covered earth. Until the forget-me-nots spring again. I won’t forget. Here in this place, where our son is put to rest.

In 2014 our first son was born way too early, completely unexpected and unaccountable. He could not survive. I believe that everything inside of me was torn apart in this moment. In the first weeks after his birth I didn’t leave the house. Now I know that the reason for this was fear and shame. Fear and shame to meet people I know and needing to explain something to them, explain myself, explain my “failure”. Fear and shame that people I did not know wouldn’t see me – couldn’t see me – the way I saw myself, as a mother. The most hurtful thing someone said to me during those weeks was “You will be a mama someday!” I’m glad I don’t remember who said that. But it affected me deeply and it was wrong. I was a mama!

A mother is a woman who allows her identity to be inexplicably molded by the love of a child. Allowing this always inherits a deep pain – when this child is not, is not anymore. When you have to let go. Every mother has to let go, sooner or later, again and again. Like a butterfly.

A mother also is a woman in a constant process of becoming, of finding this identity, her identity, all over again. And again. Yes, like a butterfly.

Today I’m a mother of three children – one who is not here with me, one little whirlwind and one still growing inside of me. In all that pain and with all its different facets, I’ve got a “yes” for this, my, identity.

Isn’t that wondrous? Well, everything about it is wondrous, it’s a miracle, this being a mother, this becoming a mother.

 

* Thank you (!) to my husband who captured this moment with my son, and supports me unconditionally.

6 Antworten
  1. Ulla Hauk
    Ulla Hauk says:

    Ihre Worte treffen mich tief in meinem Herzen. Ich bin Großmutter geworden von einem kleinen perfekten Jungen. Ich habe ihn geliebt, als er noch ungeboren war und ich liebe ihn nachdem er tot geboren wurde. Ich hab ihn in meinem Arm gehalten. Ich bin für immer seine Oma.

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    • Sophie Kröher
      Sophie Kröher says:

      Oh, liebe Frau Hauk. Danke, dass Sie das geschrieben haben. Es ist so unendlich traurig, aber es macht mich auch so froh, dass Sie sich so deutlich als Oma ihres kleinen Enkeljungen sehen. Ich bin sicher, dass das auch ihrer Tochter/ ihrem Sohn in dem ganzen Schlimmen Halt gibt! Alles alles Liebe für sie alle!

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  2. Karla
    Karla says:

    Liebe Sophie,
    ich fühle mich als Teil deiner Geschichte, hatte meine Hand auf deinem Bauch und hab das Strampeln gefühlt. Deinen Schmerz konnte ich damals nicht fühlen. Nun bist du auch Teil meiner Geschichte und der Schmerz verbindet uns irgendwie. Ob die beiden wohl jetzt…hm.
    Ganz viel Liebe.

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