R., Mama von dreien.

Muttersein ist etwas Ursprüngliches. Eine Art Urknall. Man weiß nie so richtig, was daraus entsteht, sicher ist nur, dass es das Gefühlsleben unfassbar intensiviert.

Was bedeutet Muttersein? Wann ist man eine Mutter und was macht eine Mutter aus? Diese Fragen habe ich mir in den letzten Tagen oft gestellt und mich dabei gefühlt, wie in der 8. Klasse. Deutschklausur, leeres Blatt vor mir, mein Gehirn eine Wüstenlandschaft. Dabei bin ich selber eine Mutter, vor ziemlich genau sechs Wochen zum dritten Mal geworden. Aktuell müsste ich dazu also schreiben: Muttersein bedeutet für mich schlaflose Nächte, Windelunfälle, vollgespuckte T-Shirts und eine leichte bis mittelstarke Stilldemenz. Und doch ist es so viel mehr, so viel, dass ich es kaum greifen kann, geschweige denn in Worte fassen. Früher hätte ich wohl gesagt, dass eine Mutter eine Frau ist, die ein (oder auch mehrere) Kind(er) geboren hat. Heute weiß ich, dass es nur ein Teil der Mütter ist, die tatsächlich Kinder geboren haben. Es gibt schließlich auch Adoptiv- und Pflegemütter, die ihre Kinder sicher genauso lieben, die gleichen Ängste und Sorgen diesbezüglich haben und sich an den gleichen Dingen erfreuen. Und dann sind da noch Frauen, zu denen ich auch sehr lange Zeit gehörte. Die nämlich, bei denen die Kinder jahrelang nur als Wunsch existieren, der sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht erfüllen lässt. Wir hatten Glück, bei uns hat es dann doch noch geklappt. Aber was ist mit denen, die diesen Wunsch nach einem eigenen Kind aufgeben müssen? Für mich sind auch diese Frauen irgendwie Mütter, weil sie sich nach ihrem eigenen Kind sehnen, weil sie für dieses Kind teilweise große Belastungen auf sich nehmen, weil sie um dieses Kind trauern, das nicht entstehen kann.

Für mich waren während der Kinderwunschzeit alle Mütter wie eine Art Geheimclub. Einer, in den ich auch gern wollte, aber ich gehörte einfach nicht dazu. Ich konnte nicht mitreden, hab mir aber trotzdem alles angehört und versucht mir vorzustellen, wie es denn wohl so ist als Mutter. Ich gehörte halt zu den Kinderlosen. Die, die ausgehen konnten, wann sie wollten, Alkohol trinken und rauchen ohne schlechtes Gewissen, am Wochenende schlafen bis 11 Uhr und nach der Arbeit auf der Couch versinken. Auch okay. Schlimmer, viel schlimmer wurde es erst, als ich während der langersehnten ersten Schwangerschaft erfuhr, dass unser Sohn eine schwere Genmutation hat, eine die ihm sein Leben zur Hölle machen würde. Zusammen mit meinem Mann tat ich das, was man als Mutter macht: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, die das Kind noch nicht treffen kann. Wir entschieden uns dafür unseren Sohn noch in meinem Bauch einschlafen zu lassen. Kurz darauf brachte ich ihn zur Welt. Tot. Das klingt traurig und schlimm und das war es auch. Aber es war auch schön. Ich war unheimlich stolz auf meinen Sohn. Ich freute mich darüber ihn im Arm halten zu dürfen, genau so, wie ich mich später bei unseren Töchtern freute, sie endlich im Arm halten zu können. Ich hab ihn genauso bestaunt, die kleinen (sehr kleinen!) Fingerchen, die winzige Stupsnase! Er hat mich zur Mutter gemacht. Und dennoch habe ich mich danach unter Müttern nie dazugehörig gefühlt. Ich gehörte dann weder zu den Müttern, noch zu den Kinderlosen. Klar, ich habe mich als Mutter wahrgenommen, nur habe ich eben keinen Kinderwagen vor mir hergeschoben, mein Muttersein war unsichtbar und ich war oft traurig, wütend und wurde manchmal zynisch. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Freundinnen (allesamt Mütter) über den schlechten Schlaf ihrer Kinder. Ich saß daneben und hab lange geschwiegen, bis es aus mir rausplatzte: „Also ich kann mich nicht beschweren, mein Kind schläft eigentlich von Anfang an durch!“ Ich blickte in geschockte Gesichter, voller Überforderung und fand mich eigentlich ganz witzig.

 

 

Inzwischen habe ich noch zwei gesunde Töchter bekommen und erlebe die gesamte Bandbreite am Muttersein von überbordender Liebe, Freude und Stolz, über Überforderung, hin zu Sorge und Trauer. Vielleicht ist es das, was das Muttersein (auch) ausmacht: Mitfühlen. Sich keinem anderen Menschen wie seinen Kindern so verbunden zu fühlen, dass man meint, man könne all ihre Emotionen ebenso stark durchleben. Dazu der Wunsch, sie vor allem Schlechten dieser Welt bewahren zu wollen. Mutter sein bedeutet für mich auch etwas Ursprüngliches. Eine Art Urknall. Man weiß nie so richtig, was daraus entsteht, sicher ist nur, dass es das Gefühlsleben unfassbar intensiviert. Noch nie zuvor habe ich so starke Liebe und Zuneigung verspürt und noch nie zuvor bin ich so sehr an meine eigenen Grenzen gekommen. Es ist stark und wild und gleichzeitig warm und ruhig. Und es lässt sich einfach nicht gut in Worte fassen, weil es nur aus Gefühl besteht.

 

 

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